Großstädte wie Hamburg oder München galten trotz ihrer dichten Besiedelung stets als grüne Lungen. Bäume und Parks in den Städten sind ein Maßstab für den Lebenswert einer Stadt. Doch seit einigen Jahren geht es diesen grünen Fleckchen an den Kragen. Die stetig wachsende Nachfrage nach Baugrund für den neuen Geschäftssitz von Firmen aber auch für Wohnraum erfordert die Generierung von Flächen. Doch auch im Namen einer vorsorglichen Verkehrssicherheit öffentlicher Plätze werden massiv Bäume beschnitten und gefällt. Dabei bleibt die große Bedeutung von Bäumen und Grünflächen – besonders in Siedlungsgebieten – zumeist ungeachtet.
Wie auch in den vergangenen Jahren, pünktlich zum Ablauf der alljährlichen „Schonzeit“ für Bäume werden seit Anfang Oktober letzten Jahres allein am Isarufer zwischen der Wittelsbacher und der Thalkirchener Brücke in München über 200 Bäume mit einem Stammumfang von teilweise über 120 cm gefällt oder durch einen Kronenschnitt auf etwa 3m Stammhöhe gekürzt.
Die Baumstümpfe ragen kahl in die Luft und Vögel sind kaum noch zu hören. Wie es im Sommer aussehen wird, ist nur zu erahnen. Es fehlt an einer Aufklärung über diesen massiven Eingriff seitens der Verantwortlichen der Stadt München. Ist es wirklich notwendig all die Bäume Jahr für Jahr zu fällen?

Seit einigen Jahren verändern sich die Grünflächen und Baumbestände in München und vielen anderen Städten. Sie müssen häufig Bauprojekten weichen und werden anschließend in Miniaturformat „ersetzt“. So werden alte K
astanienbestände gefällt, um Luxuswohnungen zu errichten. Oder Bäume werden gefällt oder massiv zurückgeschnitten (Kronenschnitt) – oft zur Wahrung der sog. Verkehrssicherheit öffentlicher Plätze. So finden Stadtverwaltung und Bauherr schnell Gründe für die Notwendigkeit der Fällung von Bäumen oder Versiegelung von Grünflächen. Dabei bleiben die enorme und nicht zu unterschätzende Bedeutung von Bäumen und Grünflächen, Parkanlagen und Alleen meist unbeachtet – insbesondere hinsichtlich der globalen Klimaveränderungen aber auch der zunehmenden Belastung der Umwelt (Luft, Boden, Wasser).
- Temperaturausgleich in den Städten
wer kennt das nicht – der Hitzestau und die stickige Luft in den Straßen der Stadt – vor allem im Sommer. Die steigenden Temperaturen Infolge klimatischer Veränderungen lassen die Temperaturen aufgrund der dichten Bebauung höher steigen als auf dem freien Feld. Bäume und Grünflächen wirken hier wie eine Klimaanlage. Sie spenden Schatten und ermöglichen eine Abkühlung der Luft. - Luftreinhaltung
ein hohes Verkehrsaufkommen und dichte Bebauung in der Stadt haben eine hohe Feinstaubbelastung und besonders im Sommer hohe Ozonwerte zur Folge. Auch hier bieten Grünflächen, Parks und Bäume eine deutliche Entlastung. Sie binden Kohlendioxid, bilden Sauerstoff und wirken wie ein natürlicher Partikelfilter. - Kohlendioxid-Speicher
Im Laufe eines Lebens eines Baumes speichert dieser Unmengen an Kohlendioxid in seinen Blättern, Ästen, im Stamm aber vor allem in den Wurzeln. Je älter ein Baum ist, desto größer ist sein Speicher und sein Beitrag zum Klimaschutz. Wird ein Baum gefällt und z. B. als Hackschnitzel verbrannt, wird das über Jahre gespeicherte Kohlendioxid wieder freigesetzt. Auch die Wurzeln sterben langsam ab und geben während des Zersetzungsprozesses ebenfalls all das gespeicherte Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre ab. - Feuchtigkeitshaushalt in den Städten
nicht nur warme und mit Rußpartikeln belastete, sondern auch zumeist trockene Luft belastet die Menschen in der Stadt. Durch die große Wärmeentwicklung im Sommer verdunstet Feuchtigkeit sehr schnell oder staut sich in den Herbst- und Wintermonaten. Bäume und Grünflächen sorgen im Rahmen der Temperaturregulierung auch für eine Regulierung des Feuchtigkeitshaushaltes. Zudem bieten diese Flächen eine hohe und einfache Aufnahme von Wasser z. B. in Folge von Starkregenereignissen, bei denen die kommunale Kanalisation zunehmend überfordert ist. - Lärm- und Schallschutz
in den Straßenzügen der Stadt wird der Verkehrslärm durch die Schallausbreitung weit getragen, wenn dieser nicht unterbrochen wird. Hier können Bäume ein wirksamer Lärm- und Schallschutz sein. - Biodiversität und Artenschutz
Die Veränderung des Klimas geht auch mit einer Zunahme an Insekten, wie Moskitos und Fliegen, einher. Bäume bieten Schutz, Nistraum und Futter für die natürlichen Feinde der Insekten – die Vögel. Doch die massive Verbauung der Städte hat bereits heute zu einer deutlichen Abnahme an Vögeln geführt. Auch in München bleiben in diesem Jahr die Vogelfutterhäuschen auf den Fensterbrettern zunehmend unberührt. - Erholungsräume und Ruhezonen
Die negativen Entwicklungen einer zunehmend naturfeindlichen Stadtentwicklung und ihre Folgen treffen letztendlich alle Bewohner_innen der Stadt. Doch vor allem Hochbetagte, Kranke und Kinder sind besonders betroffen. Bäume und Grünflächen bieten Entspannung, entschleunigen den Stress des Alltags, bieten Schatten, Ruhe und frische Luft.
Nach §39 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) gilt in Deutschland eine einheitliche Regelung zum Schutz bzw. Fällung der Bäume. Zwischen dem 01. März und dem 30. September gelten somit „Fäll- und Schnittverbote für alle Bäume, die außerhalb des Waldes oder gärtnerisch genutzten Grundflächen stehen“. München besitzt zudem eine eigene Baumschutzverordnung, die für „alle Laub- und Nadelbäume mit einem Stammumfang von 80 cm und mehr gilt, gemessen in 1 m Höhe über dem Boden, sowie mehrstämmige Bäume, wenn ein Stamm einen Stammumfang von mindestens 40 cm hat und die Summe aller Stämme mindestens 80 cm ergibt.“ Diese Verordnung soll dem Grünerhalt dienen und die Bäume schützen. Erst über einen Antrag bei der Unteren Naturschutzbehörde und dessen Genehmigung darf solch ein Baum gefällt werden. Bei Verstoß gegen diese Verordnung können Bußgelder bis zu 50.000 Euro verhängt werden.
Durch den Eingriff in die gewachsenen Baumbestände in den Münchner Isarauen und anderen Grünflächen der Stadt verlieren diese so ihren Charme und ihre wichtigen Funktionen einer zukunftsfähigen Stadt. Erst vor einem Jahr stellte Bundesministerin Barbara Hendricks das Grünbuch Stadtgrün „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft!“ vor und betonte: „Urbane Grünflächen sind Orte der Begegnung, der Erholung und Integration. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Sie dienen als Frischluftschneisen, zur Luftreinhaltung und Temperaturregulierung. Sie sind wichtig für Klimaschutz und Gesundheit. Als Lebensräume für Flora und Fauna unterstützen sie die biologische Artenvielfalt. Eine nachhaltige und integrierte Stadtentwicklungspolitik muss diese wichtigen Aufgaben unterstützen.“ In Zukunft sei es das Ziel, ein Weißbuch mit konkreten Handlungsempfehlungen und Umsetzungsmöglichkeiten für eine grüne Infrastruktur zu erarbeiten. Aber das wird wohl noch einige Jahre dauern.
Möglicherweise findet bis dahin ein Umdenken bei den Verantwortlichen statt und die Stadt München berücksichtigt bis zu einem verbindlichen Schutz der Grünflächen durch mögliche Verordnungen des Bundesumweltministeriums die bestehende Baumschutzverordnung. Baumerhaltungsmaßnahmen und Hinweise für die Bevölkerung auf den notwendigen Schutz des Baumbestandes in München können in jedem Falle als gemeinwohlorientierter und zukunftsfähiger hinsichtlich einer Stadtentwicklung für jetzige und kommende Generationen betrachtet werden.
01/2017